Wednesday, November 21st, 2018

Gastbeitrag: Browsergame-Texter gewährt spannenden Einblick in seine Arbeit

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Im nachfolgenden Gastbeitrag berichtet Benjamin Scharff von Sparrow Games, wie er ein Browsergametexter geworden ist, was seine Arbeit ausmacht und welche Fehler ihm zu Beginn der eignen Firma unterlaufen sind. Gerade wenn man selbst einmal als Browsergame-Texter anfangen möchte, sollte man sich die nachfolgenden Erfahrungen und Tipps und Tricks auf keinen Fall entgehen lassen. Alle anderen bekommen hier einen kleinen interessanten Einblick, welche Arbeit denn hinter den oft spannenden Hintergrundgeschichten der Browsergames steckt.

Als Texter fühlst Du Dich ein wenig wie ein Gott. Du kannst Welten erschaffen, in denen andere Menschen Abenteuer erleben, in denen sie leben. Deine Geschichten werden von tausenden Spielern gelesen, daher nennen wir Texter uns auch gerne Autoren, denn nichts anderes sind wir, nur dass man unseren Plot erleben kann. Es ist einfach traumhaft schön, wenn ein Spieler oder eine Spielerin in einem Forum schreibt, dass sie einen Charakter, den Du erfunden hast, gerne hat, oder sich mit ihm personifiziert. Aber Texter zu sein heißt auch Stress und viel Ärger, denn nie kannst Du sicher sein, dass Dein Auftraggeber auch zufrieden mit Dir ist. Es ist ein schöner Beruf, aber er hat seine Schattenseiten. Ich möchte in diesem Artikel darauf eingehen, was diesen Beruf ausmacht.

Mein Name ist Benjamin Scharff, ich bin 28 Jahre alt und schreibe für mein Leben gerne Texte. Eigentlich ist Schreiben schon immer mein größtes Talent gewesen, auch wenn meine Deutschlehrer das ganz anders sahen. Seit meiner frühsten Kindheit bin ich begeisterter Spieler, angefangen hat alles mit dem Amiga meines Vaters, heute spiele ich auf den aktuellen Konsolen und dem PC, meine Lieblingsgenres sind Tower Defense, Rollenspiele und Jump’n’Runs. Obgleich ich fast alle Genres spiele, alleine schon aus beruflichen Gründen.

Wenn ich über meine Arbeit als Texter für Browsergames schreiben soll, muss ich etwas weiter in die Vergangenheit zurückgehen. Eigentlich sollte meine Karriere anders aussehen, ich wollte Landschaftsplaner werden und hatte bereits einige Jahre studiert, als mich das Schicksal in Form eines Browsergames ereilte.
Das Spiel war einfach gestrickt, man klickt eine Quest an, wartet ein paar Minuten und bekommt dafür dann Gold und Erfahrungspunkte. Jede Quest bot einen Anfangstext und einen Endtext, manchmal noch zusätzliche Texte, wenn man gegen ein Monster kämpfen musste. Die waren nicht direkt schlecht, aber sehr einfallslos und langweilig geschrieben, es gab keine spannenden Wendungen oder dergleichen.
Die Firma hinter dem Spiel führte einen Quest-Schreibwettbewerb durch und ich nahm daran teil. Es gab nichts zu gewinnen als Runen (die Währung des Spiels) und die Veröffentlichung der besten 15 Beiträge. Ich schrieb eine kleine Quest, die Geschichte über einen liebeskranken Zwerg, der keinen Draht zur Romantik hatte und dem man helfen sollte. Ich war sehr gespannt welchen Platz ich wohl belegen würde, mein Ziel war natürlich der Sieg. Umso größer war die Enttäuschung, dass ich nicht einmal unter der Top 15 zu finden war. Doch dann meldete sich ein Mitarbeiter bei mir und meinte, meine Quest sei so herausragend gewesen, dass sie Immunität besäße. Sie würden sich freuen, wenn ich Moderator in ihrem Forum werden und weiterhin Quests für das Spiel schreiben könnte.
Das war der Anfang, wenig später fing ich als Supporter bei dieser Firma an, wurde Abteilungsleiter, Projektleiter und schließlich Produkt Manager. Heute kann ich mir nicht vorstellen, jemals eine andere Berufung gehabt zu haben.

Die Geschichte, wie ich meine Firma gründete, ist zu umfangreich, als dass ich sie hier schildern könnte, nur soweit: es ist ein hartes Brot sich von 0 auf 100 selbstständig zu machen. Ich hatte den Fehler gemacht mich auf die falschen Ratgeber zu verlassen und mich nicht ausgiebig einzulesen.
Ich wusste, dass gute Texte in Browsergames Mangelware sind und das Spieler nach Atmosphäre lechzen. Ist doch klar, wenn ein Spiel keine brillante Grafik bietet, muss wenigstens die Atmosphäre astrein sein.
Die wenigsten Firmen besitzen eigene Texter, die meisten lassen ihre Texte von ihren Supportern schreiben. Und wer sich mit verärgerten Usern streitet und ständig unter Zeitdruck steht, schreibt keine guten Texte. Kundensupport ist wie Texten ein Talent, nicht jeder muss alles beherrschen. Viele Supporter machen auch gar keinen Hehl daraus, dass sie keine guten Schreiber sind, werden aber nicht gefragt.
Wenn ich mit meiner Firma dafür sorgen kann, dass einige gute Spiele durch meine Texte noch besser werden, dann habe ich mein Ziel erreicht. Denn ohne Texte ist praktisch jedes Browsergame keinen Pfifferling wert.

Als Autor oder Gametexter hat man vieles, nur eines nicht: Routine. Das Texten von Quests, die Erstellung von Tutorials, Anleitungen, Konzepten oder Werbetexten sind nur wenige Beispiele für das breite Aufgabenspektrum dieses Berufs. Und immer gibt es andere Herausforderungen, immer gibt es neue Herangehensweisen, kein Tag gleicht dem anderen.
Im besten Fall bekommst Du die Aufgabe, eine komplett neue Welt zu erschaffen, mit allen Freiheiten. Nun muss man den Kuss der Muse suchen. Man spielt alle möglichen Videospiele, liest Bücher, Zeitschriften, macht sich Notizen und verzweifelt recht häufig, weil man an einem bestimmten Gedanken nicht weiterkommt.

Diese Phase kann schon einige Zeit in Anspruch nehmen, bis der Funke schließlich überspringt und man beginnt Gott zu spielen, sprich: eine neue Welt erschafft. Man fertigt Tabellen mit Ortschaften, Namen und Notizen an, um sich nicht zu verzetteln. Überlegt sich bereits jetzt erste Handlungsstränge für Quests, wenn das Spiel denn ein Questsystem bietet. Man erfindet Charaktere und konstruiert eine Vergangenheit, damit die Welt noch authentischer wirkt. Ich lasse gerne einige Fragen offen, diese Strategie hat schon Tolkien befolgt, um seine Leser in den Bann zu ziehen.

Wenn man gut ist, macht sich diese neue Welt irgendwann selbstständig. Spieler schreiben eigene Geschichten, zeichnen Bilder oder sorgen auf andere Weise dafür dass die Welt größer und bunter wird, als Du es Dir jemals erträumt hättest. Dies geschieht nicht oft, wenn so ein Fall aber eintritt, ist es wie ein Sechser im Lotto für den Betreiber, denn dann ist sein Spiel „lebendig“ geworden. Solche Spiele sterben nie, wenn man sich um sie kümmert.

Ich kann diese festgefahrenen Fantasy Szenarien nicht leiden, in denen Zwerge Bier trinken, Orks Elfen hassen und Drachen Prinzessinnen entführen. In meinen Geschichten entführt die Prinzessin den Drachen, um dann von einem antialkoholischen Zwerg gerettet zu werden. Ich habe meinen ganz eigenen Humor und musste lernen damit umzugehen, denn nicht jeder Spieler war davon angetan. Heute weiß ich, dass jeder Text gerne ein wenig Humor besitzen darf, rutscht man allerdings ins Lächerliche ab, zerstört man einen Teil der Spielwelt. Natürlich gibt es auch Browsergames, die vom Humor leben, da kann man sich dann gewissenlos austoben. Aber ich wäre kein guter Texter, wenn ich nicht sofort auf „ernst“ umschalten könnte.

Es gibt leider keine richtige Lobby für Browsergametexter, jedenfalls habe ich noch keine gefunden. Es gibt keine allgemeinen Richtwerte, an denen man sich orientieren könnte. Was verlangt man für einen Text? Welche Verträge müssen geschrieben werden? Wer hilft mir, wenn ich Fragen habe? Ich habe lange im Dunkeln getappt, nun habe ich meine eigenen Erfahrungen gemacht, vielleicht schreibe ich sie irgendwann nieder, als Leitfaden für neue Texter. Allerdings existieren bereits viele gute Bücher zu dem Thema. Die meisten in englischer Sprache. Wer in der Browsergame-Branche arbeiten will, muss Englisch beherrschen, ein Jahr hatte ich fast ausschließlich mit einer Firma zu tun, deren Chefetage nur chinesisch und Englisch gesprochen hat. Daher mein Rat an alle, die sich überlegen in diese Branche einzusteigen: kauft euch einen Kurs für Business Englisch.

Zum Abschluss möchte ich noch einen Gruß an alle Spieler loswerden, die so lange Zeit in meinen Welten gelebt haben und immer noch leben, die mir geholfen haben, ob nun mit Kritik oder auf andere Weise. Ich schreibe nun für andere Spiele und Projekte, bleibe aber meinem Motto treu: Man muss stolz auf seine Texte sein.

Benjamin Scharff (Sparrow Games)

Nachtrag:
Aufgrund eines Userkommentars hat Benjamin noch einmal ein kleine Anmerkung zu seinem Beitrag:

Aus Diskretion habe ich auf die Nennung von Spielen verzichtet, auch auf meiner Homepage, die ich gerade umbauen lasse. Aber da scheinbar Interesse daran besteht, habe ich eine Firma, für die ich lange Zeit Texte geschrieben habe, um Erlaubnis gebeten, eines ihrer Spiele zu erwähnen.

Ein Paradebeispiel für meine Arbeit ist Gallendor Battlegrounds (http://midea.gbg.my/portal/), ein Strategiespiel. Für dieses Projekt habe ich die Welt geschaffen und sehr viele Texte geschrieben, ob Quests oder andere Inhalte, je nachdem. Es handelt sich um eine klassische Fantasywelt, wobei ich versucht habe, ein wenig aus dem starren „Gut gegen Böse“ auszubrechen und mit etwas Humor zu vermischen.


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Comments

5 Responses to “Gastbeitrag: Browsergame-Texter gewährt spannenden Einblick in seine Arbeit”
  1. Simon sagt:

    Naja die ganzen „erfolgreichen“ Browsergames kommen ja fast alle ohne jegliche Story aus. Ich meine die ganze Casual-Games wie Farmerama und Co. Eigentlich schade, da ich auch glaube, dass man im Browser tolle neue Welten kreiieren kann. Naja, vielleich kommt das ja noch ..

  2. Marc sagt:

    Interessanter Beitrag, aber warum werden denn keine Browserspiele genannt, wo der Benjamin Scharff seine Texte veröffentlicht hat? Darf man das dann nicht nennen, oder wie?

  3. Browsergamer sagt:

    Hallo Marc,

    inzwischen hat Benjamin seinen Beitrag noch einmal bzgl. deiner Frage ergänzt

    Gruß

  4. Marc sagt:

    Dankeschön für die Ergänzung, das Spiel kannte ich noch gar nicht, werd mir das mal ansehen 😉

  5. Benjamin Scharff sagt:

    Hi,

    kein Problem, ich denke es gab auch andere, die sich gewundert habem warum da kein Beispiel genannt wurde.

    Falls noch weitere Fragen bestehen, immer raus damit.

    VG

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